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Die Platte war für ihn in den vergangenen anderthalb Jahren so etwas wie ein Lebenselixier. Mehr als 300 Bilder sind in Hellersdorf entstanden. Damit hat der Architekt, Maler und Cartoonist Gerd Wessel - der erste und bislang einzige Stadtzeichner in Berlin - der Großsiedlung eine Art Denkmal gesetzt. Mal in kräftigen Farben oder mit nur wenigen Pinselstrichen, mal mit großem Ernst oder - wie eher häufiger - mit viel Sinn für Witz und Ironie. Vor allem in den Cartoons, mit denen er die Lebenslust der Hellersdorfer in Szene gesetzt hat, wird sich mancher Zeitgenosse wiederfinden. Wessel war im Mai 2001 von der WoGeHe als Stadtzeichner berufen worden. Zum 31. Dezember dieses Jahres nun endet seine Amtszeit.
Hellersdorfer Lebensart
Bei einer Finissage mit dem Titel Wein, Weib und Gesang, sinnigerweise in einem alten Weinkeller des Spirituosenherstellers Schilkin im Ortsteil Kaulsdorf arrangiert, hat sich Wessel mit einer kleinen Werksschau am Wochenende offiziell verabschiedet. In Anwesenheit von lokaler Prominenz, darunter Bezirksbürgermeister Dr. Uwe Klett und Bundestagsabgeordnete Petra Pau, zeigte er noch einmal - mit leichter Hand ausgewählt - einige Arbeiten aus seiner ausgesprochen produktiven Hellersdorfer Zeit. Sein Schwerpunkt: die Cartoons über das Leben in der Platte. Der Künstler macht ganz offensichtlich keinen Hehl aus seiner Sympathie für diese Lebensart. So ergeben seine Bilder als Gesamtwerk betrachtet - wenn man so will - ein Sittengemälde der Hellersdorfer Bürgerschaft. Ein bisschen respektlos und doch voller Wohlwollen!
Workshops und Zeichenstunden
Der Stadtzeichner hat mit seiner Arbeit zweifellos ein paar zusätzliche Farbnuancen in die Kunst- und Kulturszene des Bezirks gebracht. Und diese erschöpften sich nicht nur in seinen Bildern. Wessel begleitete mit seinem Rat ein 52-Millionen-Sanierungsprojekt der WoGeHe, arbeitete am Weiten Theater, hat eine Kunstmappe zusammengestellt, war Gast in Klubs und Kindereinrichtungen, lud in sein Hellersdorfer Atelier zu kleinen Workshops ein und publizierte regelmäßig in der Stadtteil-Zeitung. Eine besonders innige Beziehung hatte er zu MITTENDRIN entwickelt, einem Verein, in dem Hellersdorfer mit leichten psychischen oder geistigen Handicaps ein zweites Zuhause gefunden haben.
Nachfolger der Stadtschreiber :
In die Rolle des Hellersdorfer Stadtzeichners konnte Wessel deshalb so problemlos schlüpfen, weil er in seinem Vorleben als Architekt um die Platte keinen Bogen machen konnte. Mit der Berufung eines Stadtzeichners, so erklärte Geschäftsführer Rudolf Kujath während der Finissage, habe man bewusst an die seit 1996 gepflegte Stadtschreiber-Tradition anknüpfen wollen. Vier Schriftsteller waren vor Gerd Wessel auch dank des Mäzenatentums der WoGeHe für jeweils ein Jahr in Hellersdorf tätig. Wie sie seinerzeit auch, bezog er ein kleines Stipendium und nutzte kostenlos eine Wohnung. Hier hatte er sich ein Atelier mit einer ständig wechselnden Ausstellung eingerichtet. Auch nach seinem Abschied will Wessel den Hellersdorfern erhalten bleiben. Denn der Stadtzeichner a.D. ist in Hellersdorf auf der Suche nach einem neuen kleinen Atelier.
s.a. Internet: s.a. Internet: www.wogehe.de
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