Gezielte und hilflose Missverständnisse

von Harald Werner, Mitglied des PDS-Vorstandes

Neues Deutschland, 18.10.2002

Vor und nach dem Parteitag, erst recht aber in der nachträglichen Berichterstattung, dominierten zwei unterschiedliche Arten von Missverständnissen. Die einen wollten nicht verstehen was geschieht, die anderen konnten es nicht. Für den überwiegenden Teil der Presse war von vornherein klar, dass aus Gera über ein Worstcase zu berichten war. Kopflose Niedergeschlagenheit, Auflösung oder eben trotziger Rückfall in die blanke Opposition. Die Vorfeldschlagzeilen ließen wenig mehr erwarten.

Auch die selbst ernannten Linken wollten die durch Personalkonflikte verdunkelte Lage von vornherein missverstehen, um die Wiederwahl von Gabi Zimmer zur Niederlage der so genannten Reformer zu verklären. Und während sie fröhlich auf den von den Medien bereitgestellten Zug aufsprangen, übten sich die Gescheiterten in Verweigerungsstrategie und lieferten all die überzogenen Pressezitate, mit denen die mediale Inszenierung erst so richtig glaubwürdig wurde. Weder die Papierlage noch die Debatten geben dafür Anlass - es ist wieder einmal komplizierter.

Betäubt von der Niederlage und inmitten eines Berges aus ersten Einsichten und bohrenden Fragen besteht eine übergroße Neigung, in alte oder neu erdachte Parteiungen zu flüchten. Es ist eben sehr viel einfacher, die Wahlschlappe den Regierungsbeteiligungen anzuhängen oder umgekehrt den Kritikern Totalopposition vorzuwerfen, als zu erkennen, dass wir Probleme mit beidem haben. Es ist schlichtweg eine Tatsache, dass all zu viele am Nutzen unserer Regierungsbeteiligungen zweifeln, wie auch niemand übersehen kann, dass in der PDS umso häufiger die Opposition beschworen wird, je weniger davon zu sehen ist.

Manchmal kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, als wenn die unterschiedlichen Seiten von der jeweils anderen das erwarten, woran es ihnen selber mangelt. Die Mitregierenden erwarten von der Oppositionspartei realitätstüchtige Konzepte, und diese erwartet von den Regierenden Opposition. Wann werden wir endlich begreifen lernen, dass sich aus den unterschiedlichen politischen Funktionen auch unterschiedliche Aufgaben ergeben?

Es gibt einen nicht hinwegzudiskutierenden Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Opposition und gesellschaftlicher Mitwirkung, und der löst sich nicht durch programmatische Formulierungen auf, sondern allein dadurch, dass man für den Widerspruch eine aus Arbeitsteilung beruhende Bewegungsform findet.

In Gera flüchtete man sich in gegenseitiges Missverstehen und Schuldzuweisungen, weil es kein Zentrum gibt, das beides kann, nämlich Stärken und Schwächen sowohl unserer Oppositionsrolle als auch unserer Mitgestaltung auf den Punkt zu bringen. Die einen haben dies genutzt, um uns in die konzeptionslose Opposition hineinzuschreiben oder auch hineinzuziehen, und die anderen, um uns mehr oder weniger deutlich auf den Pfad des sich selbst genügenden Realismus zu drängen. Dass vor diesem Hintergrund persönliche Konflikte oder Ambitionen ausgetragen wurden, die deutlich gravierender waren als die politischen Gegensätze, hat die Sache für die Zukunft nicht einfacher gemacht.
 

 

 

18.10.2002
www.petra-pau.de

 

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